Eine der reichsten Küsten der Welt
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Die Fischbestände der besetzten Westsahara ziehen nicht nur das Interesse der marokkanischen Flotte auf sich: Auch andere internationale Akteure fischen in den besetzten Gewässern durch Vereinbarungen mit marokkanischen Behörden. Entlang der Küste der Westsahara hat sich ein ganzer verarbeitender Industriezweig entwickelt.

09. December 20

Es ist fast unmöglich, der Westsahara zu viel Bedeutung für den marokkanischen Fischereisektor beizumessen. Wie aus den Daten der marokkanischen Regierung hervorgeht, entfielen auf das Küstengebiet der Westsahara im Jahr 2018 etwa 77,65% der jährlichen industriellen und lokalen Fänge Marokkos. Der Wert der Fänge aus den Küstengewässern der Westsahara betrug 63,14% der marokkanischen Gesamtmenge für dasselbe Jahr.

Die Flotte der Europäischen Union operiert in den besetzten Gewässern durch ein illegales bilaterales Fischereiabkommen mit Marokko. Im Jahr 2018 hob der Gerichtshof der Europäischen Union die Anwendung des Abkommens auf die Westsahara auf, da Marokko keine Souveränität oder Rechtsbefugnis über die an das Gebiet angrenzenden Gewässer hat. Die EU-Institutionen ignorierten das Urteil und setzten die Praxis fort, nur dass sie diesmal die Westsahara explizit als Teil des Geltungsbereichs des Abkommens mit aufnahmen. 

Die umstrittene Fischereikooperation zwischen der EU und Marokko geht bis auf das Jahr 1988 zurück, als Spanien der EU beitrat. Im Rahmen der Aufgabe der Kolonie im Jahr 1975 hatte Spanien mit Marokko ein Abkommen geschlossen, das Marokko erlaubte, die Westsahara zu besetzen und Spanien als Gegenleistung Fischereirechte einbrachte. Als Teil des finanziellen Ausgleichs an Marokko für den Zugang zu den Fischbeständen von Marokko und der Westsahara finanziert die EU aktuell die Entwicklung des marokkanischen Fischereisektors. Der größte Teil dieser sektoralen Unterstützung wurde mit Zustimmung der EU für den Bau von Fischereiinfrastruktur auf besetztem Territorium verwendet. Die EU finanziert auf diese Weise Wohnungen für Siedler:innen, Hafeninfrastruktur, Gefrierhallen, Energie und Technologie in dem Teil der Westsahara, den Marokko unter militärischer Besatzung hält. 

Der größte Teil der EU-Fischerei im Rahmen des Abkommens findet in der Westsahara statt. Eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene unabhängige Auswertung ergab, dass die industrielle pelagische Schleppnetzfischerei der Bestände der Westsahara 92% des Gesamtgewichts aller Fänge im Rahmen des Protokolls 2014-2018 ausmachten.

Die sahrauische Volk spricht sich schon lange gegen die Fischerei der EU in ihrem Territorium aus, und sie sind damit nicht allein. Der Autor des UN-Rechtsgutachtens zur Ausbeutung der Ressourcen der Westsahara, Hans Corell, hat den Missbrauch seines Textes durch die EU wieder und wieder verurteilt. Der ehemalige UN-Sondergesandte für die Westsahara, Francesco Bastagli, hat die Praxis der EU als Verstoß gegen internationale Verpflichtungen verurteilt.

Russische Trawler fischen in der Westsahara im Rahmen des russisch-marokkanischen Fischereiabkommens seit 1992 - etwa 10 russischen Trawlern wird eine jährlich neu festgelegte Quote zugestanden, im Durchschnitt etwa 140.000 Tonnen. Japans erstes Kooperationsabkommen mit Marokko war das Fischereiabkommen von 1985: Seitdem erhalten japanische Schiffe Fanggenehmigungen für Thunfisch und Bonito, andererseits bietet Japan finanzielle und technische Unterstützung, die Marokko für die Entwicklung des Fischereisektors in der Westsahara nutzt.

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Ein Teil des in den Gewässern der Westsahara gefangenen Fisches wird auf Kühlschiffe verladen, die für den Transport von gefrorenem Fisch konzipiert sind. Dieser Fisch wird fast komplett in andere Teile Afrikas verschifft. Die obige Karte zeigt die Bestimmungsorte des Fisches im Jahr 2019. 

Internationale Verschiffung 
Große Mengen des vor der Küste der Westsahara gefangenen Fisches werden nicht vor Ort angelandet. Stattdessen ankern Kühlschiffe neben großen Fischereischiffen vor der Hafenstadt Dakhla. Ein einziges dieser Kühlschiffe kann bis zu 5.000 Tonnen Fisch aufnehmen. Die Ladung wird dann vor allem zu Märkten in westafrikanischen Staaten transportiert.  

Zum Vergleich: Die sahrauischen Flüchtlingslager, in denen die Hälfte der Bevölkerung der Westsahara lebt, erhielten jährlich 900 Tonnen Fischkonserven als humanitäre Hilfe, bis dies vor einigen Jahren aus finanziellen Gründen eingestellt wurde. 

Green Reefers aus Norwegen, eine der Reedereien der Kühlschiffe, hat dabei besondere Aufmerksamkeit erregt. Im Jahr 2019 wurde eines der Schiffe des Unternehmens beinahe in Südafrika festgesetzt, das auch einen Haftbefehl gegen das Schiff an seine Nachbarländer verschickt hatte. Das Schiff plante, von der russischen Flotte vor der Küste des besetzten Gebiets gefangenen Fisch nach Südafrika zu transportieren.

Eine beträchtliche Menge des Fisches landet gefroren direkt in Spanien. Auf dem spanischen Markt angebotener Oktopus wird beispielsweise zu einem großen Teil vor Dakhla gefangen. 

Der Tiefkühlfischsektor in der Westsahara ist größer als in Marokko selbst. Im Jahr 2018 waren 101 der 194 in Marokko tätigen Tiefkühlunternehmen für Fisch in der besetzten Westsahara ansässig

Verarbeitende Industrie: Fischöl und Fischmehl

Der Bremer Hafen ist das Tor der EU zur Fischmehlindustrie in der besetzten Westsahara. Der Importeur Köster Marine Proteins ist der größte Fischmehlhändler Europas und nutzt die Hafenanlage Hansakai der Firma J. Müller – laut Eigenaussage das "größte und modernste Fischmehlterminal Europas". Das Fischmehl kann nach der Zollabfertigung in Containern oder großen Säcken auf Schiffe, Züge oder Lkw verladen werden. WSRW schätzt, dass die Bremer Importe etwa 12% des Wertes aller Fischereiprodukte ausmachen könnten, die jährlich aus der besetzten Westsahara in die EU exportiert werden.

WSRW hat im Dezember 2020 einen Bericht über den Fischmehlhandel veröffentlicht. 

WSRW deckte auch auf, dass der Wert des in die Türkei exportierten Fischmehls praktisch dem des gesamten Exports von Phosphatgestein aus der Westsahara entspricht. Im Jahr 2019 machten sich 18 Schiffe auf den Weg in die Türkei und transportierten über 74.000 Tonnen Fischmehl. Selbst bei einer konservativen Schätzung des Marktwerts der Ladung kann man davon ausgehen, dass die Fischmehl-Exporte in die Türkei im Jahr 2019 einen Wert von über 100 Millionen Euro hatten. Eine beträchtliche Finanzspritze für die Besatzung der Westsahara.

2019 lieferten zwei Tanker Fischöl aus der besetzten Westsahara in den Hafen von Rotterdam, was die erste derartige Lieferung seit Januar 2017 darstellte, seit der Tanker Key Bay seine Fischöl-Ladung in Frankreich löschte. Die Firma Olvea, die als wahrscheinlichster Importeur gilt, hat auf Anfragen von zivilgesellschaftlichen Gruppen oder Medien in dieser Angelegenheit nie geantwortet. Welches europäische Unternehmen die Verschiffungen in den Niederlanden aufnimmt, ist noch ungeklärt. Bis zum Jahr 2010 war der führende Importeur von Fischöl aus der besetzten Westsahara die norwegische Firma GC Rieber. Der Handel, der ein Jahrzehnt lang lief, wurde eingestellt, nachdem skandinavische Medien über das Ausmaß der Importe berichtet hatten. GC Rieber importierte Fischöl direkt aus der Westsahara, aber auch über seine Raffinerie in Tan Tan, wo Fisch aus dem besetzten Gebiet raffiniert wurde. Die norwegische Regierung verurteilte das Unternehmen zur Zahlung von 1,2 Millionen Euro als eher symbolischen Betrag für nicht gezahlte Zölle, weil die Fischprodukte aus der Westsahara bei der Einfuhr nach Norwegen als marokkanisch deklariert wurden.

Keine nachhaltige Fischerei

Obwohl bereits eine unabhängige Analyse aus dem Jahr 2011 die fast völlige Erschöpfung der Bestände vor der Westsahara aufgezeigt hatte, ist die Fischereiaktivität bis heute ungebremst. Marokkanische Fischer sind in den Gewässern oft mit in Europa ausgemusterten Schiffen aktiv, wie der Bericht "Exporting Exploitation" von Greenpeace in Zusammenarbeit mit der WSRW aus dem Jahr 2014 zeigte. Der Evaluierungsbericht der EU aus dem Jahr 2017 über das Fischereiabkommen der Union mit Marokko enthüllte, dass mit Ausnahme von Sardinen alle pelagischen Arten "im Süden" - also in der Westsahara - entweder voll befischt oder überfischt waren, als Ergebnis jahrelanger intensiver Fischerei durch lokale, EU- und andere ausländische Flotten. Diese dramatische Schlussfolgerung wurde vom FAO-Fischereiausschuss für den östlichen Zentralatlantik (CECAF) Ende 2018 wiederholt.

Im maritimen Grenzgebiet der Westsahara zu Mauretanien findet in großem Umfang unregulierter Fischfang statt. WSRW beobachtet häufig Schiffe, die in mauretanischen Gewässern fischen dürfen, die Seegrenze zur Westsahara jedoch zum fischen überqueren. Alle möglichen Nationalitäten sind daran beteiligt: Schiffe unter EU-Flagge, aber auch Schiffe unter chinesischer, georgischer, kamerunischer, türkischer oder belizischer Flagge.

Frischer Fisch bei der Ankunft im Hafen von El Aaiún in der besetzten Westsahara. Im Jahr 2010 durchgesickerte Drahtberichte von US-Diplomaten enthüllten, dass die Fischereiindustrie in der Westsahara von Generälen der marokkanischen Armee kontrolliert wird. Dies wurde von unabhängigen marokkanischen Medien bestätigt, die 2012 eine Liste der wichtigsten Inhaber:innen von Fischereilizenzen veröffentlichten.

 

Nachrichten

EU-finanzierte Forschung zurück in der Westsahara

Ein marokkanisches Schiff, das umstrittene, von der Europäischen Union bezahlte Meeresforschung betreibt, wurde erneut in den Gewässern der besetzten Westsahara gesichtet.

26. May 21

Marokko nutzt größten Teil der EU-Fischereiförderung auf besetztem Territorium

Laut eines neuen Regierungsberichts gibt Marokko den Großteil der im Rahmen des Fischereiabkommens gewährten finanziellen Unterstützung durch die EU in der besetzten Westsahara aus. 

25. February 21

Sahrauische Fischbestände im Schleppnetz der „Helen Mary“

Foto: Pierre Gleizes / Greenpeace Polen, aufgenommen am 5. November 2014, unverändert

Im Juli 2019 trat das neue Fischereiabkommen der EU mit Marokko in Kraft, was entgegen der Rechtssprechung des Europäischen Gerichtshofes die Gewässer der Westsahara einschließt. Marokko verteilt in dem Abkommen Lizenzen zum Plündern der Fischbestände des von ihm besetzten Territoriums. Seit Ende August fischt nun das deutsche Fabrikschiff „Helen Mary“ vor der Küste der besetzten Westsahara.

19. October 19

Bremen: Fischmehlimport aus der besetzten Westsahara geht weiter…

Mit der neuen Lieferung des Frachters NAJA am 14.09.2019 werden wieder Waren aus dem Kolonialkonflikt in Bremen umgeschlagen.

20. September 19