Fischfuttermittel: Investor:innen aufgefordert, aktiv zu werden
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Neuer Bericht drängt Investor:innen, sich gegenüber der nicht nachhaltigen Aquakulturindustrie zu engagieren.

29. Juli 2021

Western Sahara Resource Watch (WSRW) hat über mehrere Jahre berichtet, wie illegal gefangener Fisch aus der besetzten Westsahara zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet und exportiert wird, um die Aquakulturindustrie in Europa und der Türkei zu beliefern. 

Heute wurde ein neuer Bericht veröffentlicht, der sich mit dem Mangel an Nachhaltigkeit in der Aquakulturindustrie befasst.

Der Bericht ist eine Zusammenarbeit zwischen den NGOs Changing Markets Foundation, Feedback, Coalition for Fair Fisheries Arrangements und Western Sahara Resource Watch. Der Bericht "Investing in troubled waters: the material risks of fish mortality and the use of wild-catched fish in feed for the aquaculture sector" warnt davor, dass Gewinne gefährdet sind, wenn Investor:innen sich nicht rasch mit ESG (Environmental Social Governance)-Themen in der Fischereiindustrie befassen.

Den vollständigen Bericht auf Englisch können Sie hier herunterladen.

Der Bericht befasst sich nicht direkt mit der Fischerei in der besetzten Westsahara, weist aber auf ein allgemeines Problem hin, das bei der Beschaffung von Fischmehl und Fischöl aus den besetzten Gebieten besonders wichtig ist: die mangelnde Transparenz in der Lieferkette der Branche und die Verwendung von Wildfischen für die Aquakultur. 

Die mangelnde Transparenz der Fischindustrie zeigt sich dadurch, dass nicht bekannt ist, welche Unternehmen Fisch auf der Grundlage des umstrittenen Fischmehls und Fischöls produzieren, das aus der besetzten Westsahara in Länder wie die Türkei, die Niederlande, Deutschland und Frankreich exportiert wird. 

"Die Umleitung von kleinem pelagischen Fisch vom menschlichen Verzehr zu Fischfutter gefährdet die Ernährungssicherheit in der gesamten westafrikanischen Region. Es ist unmöglich zu wissen, ob der in der EU verkaufte Zuchtlachs mit Fisch aus Westafrika gefüttert wurde oder noch nicht einmal, ob das Fischmehl und Fischöl aus legalen Quellen stammt", kommentierte Béatrice Gorez, Koordinatorin der Coalition for Fair Fisheries Arrangements.

Der Bericht empfiehlt Investor:innen, eine vollständige Offenlegung der Versorgungsketten zu fordern und von der Industrie zu verlangen, die Sterblichkeitsrate in Fischfarmen zu reduzieren, gute Standards für das Wohlergehen von Fischen einzuführen und die Verwendung von Wildfängen als Futtermittel für die Aquakultur bis 2025 zu beenden. 

Der Wert des globalen Aquakulturmarktes wird bis 2025 voraussichtlich 376 Milliarden US $ erreichen. Die steigende Nachfrage nach Fischereiprodukten in Verbindung mit der Dezimierung der Wildfischbestände durch Überfischung wird oft als attraktives Investitionsziel angesehen. Die Analyse zeigt jedoch, dass Probleme wie die Fischsterblichkeit und die Verwendung von wild gefangenem Fisch als Futtermittel erhebliche ökologische, soziale und tierschutzrechtliche Bedenken aufwerfen, die sich auf die Rendite auswirken und den Ruf schädigen können, während sie gleichzeitig das Erreichen der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, DGs) untergraben.

Alice Delemare Tangpuori, Kampagnenmanagerin bei der Changing Markets Foundation, kommentierte: "Investitionen in die Aquakultur befinden sich in unruhigem Fahrwasser. Die derzeitigen nicht nachhaltigen Praktiken drohen die Renditen zu beeinträchtigen und den Ruf zu schädigen, da Verbraucher:innen beginnen das Ausmaß des Fischsterbens in den Zuchtbetrieben zu erkennen und dass diese Betriebe immer noch Milliarden von wild gefangenen Fischen als Futtermittel verwenden, wodurch wertvolle Proteine aus afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern abgezogen werden und die Ökosysteme der Ozeane geschädigt werden. Investor:innen sollten die Unternehmen dazu bringen, die Risiken anzugehen, indem sie das Wohlergehen der Fische in den Vordergrund stellen und die Verwendung von Wildfängen als Futtermittel in den Lieferketten der Aquakultur abschaffen."

Die anhaltende Abhängigkeit des Aquakultursektors von Wildfängen zur Verwendung in Aquakulturfutter stellt eine systemische und wirtschaftliche Bedrohung für die Unternehmen dar, heißt es in dem Bericht. Futtermittel sind die größten Einzelkosten in der Fischzucht - zwischen 50 und 70 Prozent der Unternehmensausgaben - und für die Zukunft werden höhere Preise erwartet. 

Die Analyse der Changing Markets Foundation ergab jedoch, dass kein:e Investor:in oder Finanzinstitut Kriterien aufgestellt hat, die eine Reduzierung oder einen Ausstieg aus der Verwendung von Wildfängen als Futtermittel vorschreiben. 70 Prozent der Investor:innen und Finanzinstitute haben keine Kriterien, die sicherzustellen, dass in ihrem Portfolio von Investitionen und Krediten für den Aquakultursektor keine illegale, nicht gemeldete oder unregulierte Fischerei oder andere Verstöße gegen die Vorschriften vorkommen. 

Der Bericht stellt auch die Verwendung grüner Anleihen in der Aquakultur in Frage. Die Nachfrage nach Anleihen, die zur Förderung nachhaltiger Praktiken im Fischereisektor ausgegeben werden, ist groß. Keines der drei Unternehmen, die grüne Anleihen im Aquakultursektor aufgelegt haben, scheint jedoch die Erlöse zu nutzen, um sinnvolle Maßnahmen in Bezug auf Nachhaltigkeitsfragen im Zusammenhang mit Wildfängen in Futtermitteln zu ergreifen. 

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass der Aquakultursektor trotz seiner Bestrebungen, die globale Ernährungssicherheit zu verbessern und den Druck auf die Wildfischbestände zu verringern, seine Versprechen nicht einlöst. Die industrielle Aquakultur entzieht der Nahrungskette in einem Teil der Welt - in der Regel in Ländern mit geringer Ernährungssicherheit - hochwertige Proteine und Mikronährstoffe und leitet die Nährstoffe an andere, oft wohlhabendere Märkte weiter.

Anstatt eine Lösung für die Probleme der Ernährungssicherheit zu bieten, untergräbt der Aquakultursektor in erheblichem Maße die Verwirklichung von SDG 2 - die Beendigung des Hungers und das Erreichen von Ernährungssicherheit - und SDG 14 - die Bewahrung und nachhaltige Nutzung der Ozeane. Da sich viele Investor:innen zur Unterstützung der SDGs verpflichtet haben, müssen sie handeln, um ihre Aquakulturinvestitionen mit diesen Verpflichtungen in Einklang zu bringen.

Die Analyse des Berichts ist das Ergebnis einer eingehenden Befragung von 23 Investor:innen und Finanzinstituten. Die Antworten wurden nach den Unternehmen geordnet, die „das Problem ignorieren", das Problem zwar anerkennen, aber keine ausreichenden Maßnahmen ergreifen" oder „das Problem anerkennen und Maßnahmen ergreifen, um dagegen vorzugehen". Von den 23 Investmentunternehmen erzielten DNB AM & DNB Liv, Rabobank, NNIP und Triodos IM die höchste Punktzahl, wobei jedoch kein einziges Unternehmen alle Probleme ausreichend angeht. Fast die Hälfte der Investor:innen (48 Prozent), darunter BlackRock, Vanguard Group und APG Asset Management, erreichten in der Rangliste Null Punkte. 

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