Siemens Gamesa beharrt darauf, dass die besetzte Westsahara zu Marokko gehört
615ebd3d8ff1e_SiemensGamesa_Motril_3000

Das spanische Unternehmen hat die Westsahara erneut als Teil von Marokko bezeichnet.

07. Oktober 2021

Foto oben: Masten von Siemens Gamesa werden für den Export in die Westsahara verladen, Motril, Spanien, Juli 2021. 

Am Morgen des 07.10.2021 hat Siemens Gamesa einen Artikel auf seiner Website veröffentlicht, um für seine vor vier Jahren in Tanger, Marokko eröffnete Rotorfabrik zu werben. Der Text zeigt, dass das Unternehmen in seiner Interpretation des Westsahara-Konflikts keinen Millimeter vorwärtsgekommen ist. 

"Das Werk in Tanger spielt dabei eine wichtige Rolle, denn es hat den 200-MW-Windpark Aftissat und den 180-MW-Windpark Midelt im Süden Marokkos mit Rotorblättern beliefert, die zu 100% in Marokko hergestellt werden. Das Werk unterstützt derzeit auch das 300-MW-Projekt Boujdour, das ebenfalls zu dem 850-MW-Windprojekt gehört, das von Siemens Gamesa, Nareva und ENEL Green Power entwickelt wird", heißt es in dem Text. Den vollständigen Text finden Sie hier [oder hier zum Download].

Der 200-MW-Windpark Aftissat und 300-MW-Windpark Boujdour befinden sich jedoch nicht im "Süden Marokkos", sondern in der besetzten Westsahara. Western Sahara Resource Watch hat die Entwicklung des letztgenannten, zurzeit in Bau befindlichen Projekts ausführlich dokumentiert. 

Siemens Gamesa hatte eine identische Aussage im September 2020 gemacht, als das Unternehmen bekannt gab, dass es einen Auftrag für die Lieferung von Windrädern "für den Windpark Boujdour im Süden Marokkos" erhalten hatte. Die entsprechende Pressemitteilung finden Sie hier. Die Erklärung vom letzten Jahr verurteilte Western Sahara Resource Watch aufs Schärfste.

"Acht Jahre lang haben die Anteilseigner:innen von Siemens versucht, das Unternehmen davon zu überzeugen, die Prinzipien des internationalen Rechts zu achten und das Recht des sahrauischen Volkes auf Selbstbestimmung zu respektieren. Der jüngste Vertrag und die Pressemitteilung zeigen bedauerlicherweise, dass das Unternehmen weder seine Geschäftspraktiken verbessert noch verstanden hat, dass es auf besetztem Land, außerhalb der international anerkannten Grenzen Marokkos, tätig ist", erklärte Sylvia Valentin, Vorsitzende von Western Sahara Resource Watch. 

Die Siemens AG hatte bereits 2012 ihren ersten Auftrag in "Südmarokko" bekannt gegeben.

"Die heutige Erklärung beweist, wie unseriös Siemens Gamesa ist, wenn es behauptet, völkerrechtliche Aspekte berücksichtigt zu haben. Wie wir bereits im letzten Jahr angedeutet haben, scheint konstruktives Engagement von ethischen agierenden Investor:innen im Unternehmen auf taube Ohren zu stoßen. Es ist an der Zeit für Investor:innen, Siemens Gamesa aus ihren Portfolios auszuschließen", so Valentin über die anhaltende Falschdarstellung des Unternehmens.

"Ein Unternehmen, das behauptet, nachhaltig zu wirtschaften, kann nicht gleichzeitig zur Verletzung von Völkerrecht und Menschenrechten beitragen", so Valentin. 

Was in der Pressemitteilung von Siemens Gamesa ebenfalls nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass die Fabrik in Tanger Teil der Vereinbarung war, die das Unternehmen mit der marokkanischen Regierung zur Entwicklung des integrierten 850-MW-Windprojekts getroffen hatte - die Hälfte der darin geplanten Stromerzeugung soll in der besetzten Westsahara durch die 300-MW und 100-MW Windparks Boujdour Tiskrad installiert werden.

Am 6. Oktober 2021 veröffentlichte Western Sahara Resource Watch einen umfangreichen Bericht über Marokkos Pläne für erneuerbare Energien in dem Gebiet: Greenwashing occupation. Über die Aktivitäten von Siemens Gamesa wurde darin ausführlich berichtet. 

Die Arbeiten an der 300-MW-Windpark Boujdour - dem bisher größten Energieinfrastrukturprojekt in der Westsahara - sind im laufenden Gange. Wie WSRW berichtete, hat Siemens Gamesa im Juni dieses Jahres mit der Lieferung von Windradkomponenten für den Park begonnen. 

Erst vor einer Woche erließ der Europäische Gerichtshof sein fünftes Urteil in Folge, in dem er feststellte, dass die Westsahara von Marokko gesondert ist und Marokko keine Souveränität oder ein Verwaltungsmandat über das Territorium hat. Der Gerichtshof ordnete die Nichtigerklärung zweier bilateraler Abkommen zwischen der EU und Marokko an, die auf die Westsahara angewandt worden waren, weil die EU es versäumt hatte, die Zustimmung des Volkes der Westsahara über ihre von den Vereinten Nationen anerkannte Vertretung Polisario einzuholen. Das Gericht ließ keine Zweifel daran, dass die Zustimmung der Sahrauis vertreten durch die Polisario nicht durch eine Konsultation der interessierten Parteien über mögliche Vorteile ersetzt werden kann - eine Darstellung, hinter der sich Siemens Gamesa und seine Partnerunternehmen zur Verteidigung ihrer Aktivitäten in der letzten Kolonie Afrikas immer wieder verstecken. 

Die Herangehensweise von Siemens Gamesa und Enel an den Konflikt ist identisch mit derjenigen, die vom EU-Gerichtshof für ungültig erklärt wurde. 

WSRW schrieb der Siemens AG am 06.03.2012, 19.06.2012, 03.07.2013, 26.09.2016, 07.12.2017 und erhielt Antworten am 10.05.2012, 10.10.2016, 08.01.2018. WSRW schrieb an Siemens Gamesa am  01.10.2018, 20.08.2021. Siemens Gamesa schrieb WSRW am 16.11.2018, 24.04.2020, 07.04.2021, 27.09.2021. WSRW schrieb Siemens Energy am 18.02.2021, Siemens Energy antwortete am 23.03.2021.

Nachrichten

EU-Gerichtsgutachterin bestätigt gesonderten und unterschiedlichen Status der Westsahara

Die Generalanwältin des obersten EU-Gerichtshofs stützt den Rechtsstatus des Volkes der Westsahara. Das endgültige Urteil wird in einigen Monaten erwartet.

21. März 2024

EU-Rechtsgutachterin: Obst aus der Westsahara darf nicht als marokkanisch gekennzeichnet werden

Die Kennzeichnung von Erzeugnissen aus der Westsahara mit Herkunftsbezeichnung Marokko verstößt nach Ansicht der Generalanwältin des EU-Gerichtshofs gegen EU-Recht.

21. März 2024

COWI gibt zukünftige Projekte in der Westsahara auf

Nach jahrelanger Zusammenarbeit mit dem staatlichen marokkanischen Phosphatunternehmen in der Westsahara, erklärt das dänische Consultance-Unternehmen COWI, dass es sich nicht an weiteren Projekten in dem besetzten Gebiet beteiligen wird.

11. März 2024

Bericht: EU-Marokko-Fischereiabkommen hängt von illegaler Besatzung ab

Ein externer Evaluierungsbericht zum Fischereiabkommen zwischen der EU und Marokko für den Zeitraum 2019-2023 bestätigt, dass das Abkommen fast ausschließlich für Fischerei in der besetzten Westsahara genutzt wird.

08. März 2024