Das schmutzige Geschäft mit grüner Energie auf besetztem Territorium
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Was kann falsch daran sein, in einer Welt, die dringend einen ökologischen Wandel braucht, erneuerbare Energien auszubauen? In der Westsahara sind die Probleme vielschichtig.

Veröffentlicht 08. December 20
  • Das Königreich Marokko hat einen steigenden Energiebedarf. Durch den Ausbau von Kapazitäten in der Westsahara, die es unter Besatzung hält, macht es sich abhängig von Energieprojekten in eben diesem besetzten Territorium und damit von der Aufrechterhaltung der militärischen Besatzung.
  • Bis auf einen einzigen Windpark auf besetztem Gebiet - einem Windpark in Privatbesitz, der ein Zementwerk versorgt - gehören alle zum Portfolio von Nareva, dem Windenergieunternehmen der Holding im Besitz der marokkanischen Königsfamilie. Welchen Anreiz hat der König, den UN-Friedensprozess wirklich zu unterstützen, solang er selbst an diesen Projekte verdient? 
  • 95% der Energie, die das staatliche marokkanische Phosphatunternehmen OCP benötigt, um die nicht erneuerbaren Phosphatreserven der Westsahara in Bou Craa auszubeuten, wird mit Windkraftwerken gewonnen. Die erneuerbare Energie wird von 22 Siemens-Windturbinen auf dem 50 MW Windpark Foum el Oued Windpark erzeugt, der seit 2013 in Betrieb ist. Der Aftissat Windpark, der seit 2018 in Betrieb ist, versogt angeblich auch industrielle Endverbraucher:innen.
  • Marokko verwickelt andere Staaten durch den Export von Energie aus der Westsahara in sein schmutziges Geschäft mit den Ressourcen der Westsahara. Die EU hat versichert, keine grüne Energie aus dem Territorium zu importieren. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die EU in der Lage sein wird, die in Marokko selbst von der in der Westsahara erzeugten Energie zu unterscheiden. Dies ist eine technische Unmöglichkeit, da beide zusammen über ein Kabel unter der Straße von Gibraltar transportiert würden.
  • Das UN-Klimagremium UNFCCC akzeptiert blind Marokkos Vorgehensweise, die Energieinfrastruktur in der Westsahara als Teil seiner eigenen Verpflichtungen zur Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens darzustellen. Dies suggeriert die Anerkennung durch die UNO und internationales Lob für Projekte, die verurteilt und sanktioniert werden sollten. Es ist der einzige bekannte Ort auf der Welt, wo ein Staat die Klimaziele nach dem Pariser Abkommen außerhalb des eigenen Staatsgebiets erfüllen darf.

Gegenwärtig gibt es drei in Betrieb befindliche Windparks in der besetzten Westsahara. Ein vierter ist im Bau, ein fünfter befindet sich in der Planungsphase. Zusammen werden diese Windparks eine Kapazität von 855 MW haben.

Im Jahr 2012 hat Marokko eine Ausschreibung für den Bau von fünf Windparks veröffentlicht: drei in Marokko selbst und zwei in "den südlichen Provinzen" - die von Marokko bevorzugte Bezeichnung des Teils der Westsahara, den es illegal annektiert hat. Die beiden Projekte in der Westsahara wurden als ein 100-MW-Park in der Nähe von Boujdour und ein 300-MW-Park in Tiskrad in der Nähe von El Aaiun konzipiert. Der Auftrag für alle fünf Windparks ging an ein Konsortium unter der Führung von Siemens Gamesa Renewable Energy, dem auch Enel Green Energy und Nareva angehören. Im Jahr 2019 wurde der Vertrag für den Bau des Kraftwerks Boujdour unterzeichnet, nachdem seine Kapazität auf 300 MW erhöht worden war. Die Bauarbeiten werden voraussichtlich 2021 beginnen. 

Im Rahmen des gesamten Windparkprojektes baute Siemens Gamesa Renewable Energy eine Windturbinenfabrik in Tanger im Norden Marokkos, die Fabrik 2017 eingeweiht wurde. Erster Kunde war Nareva mit einem Auftrag über 56 Turbinen für einen Windpark in den besetzten Gebieten: in Aftissat.

Der 200-MW-Windpark Aftissat ist seit Oktober 2018 in Betrieb. Der Park wurde von der britischen Firma Windhoist gebaut und besteht aus den 56 Windkraftanlagen von Siemens Gamesa. Der von ihnen erzeugte Strom ist für industrielle Nutzer:innen bestimmt, darunter OCP, LafargeHolcim Maroc und Ciments du Maroc. Siemens Gamesa hat sich nicht bemüht, die Kritik von Investor:innen und Sahrauis aufzugreifen. Im Jahr 2020, acht Jahre nachdem Siemens sein erstes Projekt in der Westsahara angekündigt hatte, kündigte Siemens Gamesa eine gigantische Lieferung an den Aftissat-Park an und bezeichnete die Westsahara als Teil Marokkos.

"Siemens sollte nachweisen, wie seine Aktivitäten in der Westsahara im Einklang mit den Interessen und Wünschen der Sahrauis stehen, wie sie in Übereinstimmung sind mit dem Recht auf Selbstbestimmung, das im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte und im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte verankert ist. Sollte dies nicht möglich sein, sollte sich das Unternehmen aus der Westsahara zurückziehen". 

Erste Asset Management, zu den "Aktivitäten“ der Siemens AG „in besetztem Territorium", Vierteljährlicher Engagement Report Q1 2018

Im Jahr 2020 berichteten marokkanische Medien, dass die französische Firma Voltalia SA einen 75-MW-Windpark in der "Provinz Laayoune" errichten soll. 

Entwicklung gab es im Jahr 2020 auch bei den marokkanischen Plänen für einen monströsen 900-MW-Windpark in Dakhla für den Betrieb von Bitcoin Mining. Das norwegische Unternehmen DNV GL zog sich aufgrund der damit verbundenen Kontroversen aus dem Projekt zurück.

Marokko ist auch bestrebt, das Solarpotenzial der Westsahara zu nutzen. Die bisher vorhandene Solarkapazität in dem Gebiet ist heute noch relativ bescheiden, bestehend aus zwei in Betrieb befindlichen photovoltaischen Anlagen mit einer Gesamtleistung von 100 MW. Der 80-MW-Standort El Aaiún und der 20-MW-Standort Boujdour wurden im Rahmen des Projekts NOOR PV I entwickelt, das von einem Konsortium unter der Leitung von Acwa Power in Partnerschaft mit Shapoorji Palloni, Chint Group, Sterling & Wilson und Astroenergy durchgeführt wurde. Die Bekanntgabe des erfolgreichen Angebots von Acwa Power erfolgte auf der UN-Klimakonferenz COP 22 in Marrakesch im November 2016, wo das Unternehmen auch den Vertrag mit Masen, der marokkanischen Agentur für nachhaltige Energie, unterzeichnete. Die Zertifizierung des Solarinfrastrukturprogramms im besetzten Gebiet erfolgte durch das marokkanisch-französisch-britische Vigeo Eiris. Das Unternehmen weigert sich, Fragen von WSRW zu beantworten und hat Erklärungen abgegeben, in denen es die 

Position Marokkos zur Besatzung nachdrücklich unterstützt. Der 5-MW-Windpark CIMAR befindet sich in Privatbesitz von Ciments du Maroc (CIMAR) und erzeugt den Strom, der für den Betrieb des Zementmahlwerks Indusaha in El Aaiun erforderlich ist. Ciments du Maroc ist eine Tochtergesellschaft von Italcementi, die wiederum eine Tochtergesellschaft des deutschen Konzerns HeidelbergCement ist. Die Turbinen wurden von Gamesa installiert, das mit Siemens Wind Power zu Siemens Gamesa Renewable Energy S.A. fusioniert hat. Der CIMAR-Windpark ist der Einzige, der nicht zum Portfolio des in Besitz der marokkanischen Königsfamilie befindlichen Windunternehmens Nareva gehört. Siemens bzw. Siemens Gamesa Renewable Energy hat alle fünf Windparks in der Westsahara mit Turbinen ausgestattet.

Es gibt konkrete Pläne, die beiden Standorte im Rahmen des Projekts NOOR PV II um weitere Komponenten zu ergänzen, mit dem weitere 400 MW an Solarkapazität an verschiedenen Standorten realisiert werden sollen. Es ist noch nicht klar, wie viel Kapazität genau den beiden Anlagen im besetzten Gebiet hinzugefügt werden soll. Anfang 2020 wurde eine Ausschreibung zur Interessenbekundung gestartet.

Der marokkanische Solarplan hatte die geplante Kapazität in der besetzten Westsahara bis zum Jahr 2020 auf 600 MW bemessen, obwohl es scheint, dass diese Frist nicht eingehalten werden kann.

Im Januar 2020 legte das marokkanische Ministerium für Energie und Bergbau außerdem Forschungsergebnisse vor, die zwei mögliche Gebiete für die Nutzung geothermischer Energie aufzeigten: den Nordosten Marokkos und das "Tarfaya-Laayoune-Dakhla-Becken in Südmarokko" - letzteres entspricht dem Gebiet der Westsahara, das von Marokko besetzt ist. Im April 2019 wurde das portugiesische Unternehmen Gesto Energy mit der "Identifizierung und Untersuchung von Gebieten mit geothermischem Potenzial in den Provinzen im Süden Marokkos auf einer Fläche von mehr als 140.000 km2, die der marokkanischen Sahara entspricht", beauftragt. Die auf der Website der Firma enthaltenen Karten lassen kaum Zweifel: Das Gebiet, das die Studie einschließt, umfasst praktisch den gesamten Teil der Westsahara, der gegenwärtig unter marokkanischer Militärkontrolle steht.

Siemens-Rotorblätter im Hafen von El Aaiun in der besetzten Westsahara, im Jahr 2013
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